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25. Januar 2011
Der Neumarkt als Bühne Dresdens

Der heutige Neumarkt liegt auf einer seichten Erhebung und gehört deswegen wohl zu den ältesten Siedlungsorten Dresdens. Die Elbe war zu dieser Zeit nicht so eingefasst wie heute, sondern war im gesamten Elbtalkessel verzweigt und schloss auch das Fischerdorf auf dem Gebiet des Neumarkts ein. Auf der anderen Seite des Hauptstroms lag die Siedlung, die später Altendresden und seit der Neuerrichtung Neustadt genannt wird, aber dazu später. Zwischen diesen beiden Siedlungen auf den verschiedenen Elbseiten bestand eine Fährverbindung etwa auf Höhe der heutigen Münzgasse, doch im 13. Jahrhundert wurde erstmals eine Brücke errichtet, heute die Augustusbrücke.

Weiter südwestlich entstand ein weiterer Ortskern um die Kreuzkirche. Mit Vergabe des Stadtrechts und somit Marktrechten Anfang des 13. Jahrhunderts entstand dort ein Marktplatz und später eine Stadtmauer um die Siedlung. Obgleich die Siedlung Dresden und das Dorf um die Kirche "Zu Unsrer Lieben Frauen" sehr nah aneinander lagen, wurden sie durch die Stadtmauer getrennt.

Später, 1530, wurde Dresden zur kurfürstlichen Residenz ausgebaut und die Stadtbefestigung wurde verändert. Dresden besaß von da an zwei Marktplätze: der Markt an der Kreuzkirche wurde von diesem Zeitpunkt an Altmarkt und der hinzugewonnene Platz Neumarkt genannt. Durch die Verlagerung der Stadtfestung änderte sich auch die Aufteilung der Gebäude am Neumarkt. Die nunmehr innere Stadtmauer konnte reduziert werden und ließ Platz für neue Gebäude. So entstand um 1590 das alte Gewandhaus, ein Handelsgebäude für Textilien. Auch das Johanneum als Wagenschuppen des Schlosses war, wie die gesamte Bebauung mit Ausnahme der Kirche, von der Renaissance geprägt. Die sonstige Bebauung war vorrangig bürgerlich und bestand aus für die Renaissance typischen Giebelhäusern.

Im absolutistischen Zeitalter Friedrich Augusts I. (genannt August der Starke) wandelte sich der Platz um 1720 stark unter dem Einfluss des Barock, gegenüber in Altendresden entstand die königliche neue Stadt, die heutige Neustadt mit symmetrischen Straßenzügen. In der jetzigen, so genannten Altstadt am Neumarkt bildete sich sowohl in religiösen als auch profanen Gebäuden der Dresdner Barock heraus, so zum Beispiel das Neue Gewandhaus von 1768, aber auch einige Renaissance-Bauwerke blieben erhalten oder die noch romanische Frauenkirche.

Zwischen 1726 und 1746 entstand die barocke Frauenkirche mit ihrer markanten Kuppel am Ort der ehemaligen romanischen Kirche. Diese war nämlich zu klein geworden, da die evangelisch-lutherische Gemeinde und die Stadt insgesamt stark wuchs, auch über die Stadtmauern hinaus. Fortan war die Frauenkirche das dominante Element und somit hat man begonnen, den Platz so umzugestalten, um die Wirkung der Kirche, die von George Bähr erbaut wurde, zu verstärken.

Während einer Belagerung Im Siebenjährigen Krieg im Juli 1760 wurde die Kuppel der Frauenkirche Ziel eines preußischen Artilleriebeschusses. Die Kirchkuppel wurde stark beschädigt, blieb aber erhalten. Die umliegende Wohnbebauung sowie die Altstädter Wache und das Gewandhaus fielen dem Beschuss zum Opfer. Die schon vorher als störend angesehenen kleinteiligen Gebäude wurde abgerissen und die umschließende Bebauung vollständig im Stil des Rokokos bzw. Spätbarocks wieder hergestellt.

Später kam es nur zu vereinzelten Änderungen an Gebäuden. Das Johanneum zum Beispiel wurde fortlaufend weiter verändert und erhielt erst 1872 seine endgültige Form. Die Stadtmauer wurde vollends entfernt, so dass die Vorstädte mit dem Neumarkt verschmolzen. Durch die neueren, moderneren Vorstädte, die vor allem Wohngebiete geprägt waren, nahm der Neumarkt mit seiner Umgebung immer mehr den Charakter eines historischen Stadtkerns an, den er heute ja immer noch darstellt.

Während des Dresdner Maiaufstands 1849 war der Neumarkt durch die Nähe zum Zeughaus der Dresdner Garnison Zentrum der Barrikadenkämpfe. Der Maiaufstand war eine der letzten Auseinandersetzungen der Märzrevolution, die darauf abzielte, den sächsischen König zu stürzen. Erst preußische Truppen ermöglichten es dem sächsischen König Friedrich August II. nach Dresden zurückzukehren. Bei der Rückeroberung der Stadt kam es auf dem Neumarkt zu Gefechten zwischen Revolutionären und den preußischen und sächsischen Armeen. Die Fassaden der Neumarktbebauung wurden dabei beschädigt.

König Albert, König bis 1902, veränderte die Bebauung am Neumarkt am Ende des 19. Jahrhunderts noch einmal durch die neoklassizistischen Bauten der Kunstakademie und des Albertinums.

Durch die Luftangriffe auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945 wurde die Bebauung des Neumarkts weitestgehend zerstört. Nach der Beseitigung der Trümmer blieben nur Teile eines der vier Treppentürme und der Choranbau der Frauenkirche sowie die Umfassungsmauern des Johanneums von der historischen Bebauung bestehen. Die Trümmer wurden aus der Innenstadt geräumt und die erhaltenen Keller damit verfüllt. Durch den Wiederaufbau der südlichen Innenstadt änderte sich vor allem der Straßengrundriss. Die Ruine der Frauenkirche wurde als Mahnmal gegen den Krieg belassen und nicht beseitigt.

Während Gebäude des sächsischen Hofstaats wie Zwinger oder Katholische Hofkirche rekonstruiert wurden, blieb der Neumarkt für viele Jahre frei von Bebauung. Erst 1969 wurde der Kulturpalast als Abtrennung zwischen Alt- und Neumarkt eröffnet. Etwa zu gleicher Zeit wurde der Wiederaufbau des Johanneums abgeschlossen. Ab Mitte der 1980er Jahre wurde noch zu Zeiten der DDR eine historisierende Wiederherstellung der Umgebung des Neumarktes mit dem Fernziel des Neubaus der Frauenkirche diskutiert, zum Teil geplant und in Ansätzen realisiert. An der Töpferstraße begann Ende der 1980er Jahre der Bau des postmodernen Hotels Hilton.

Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde die Frauenkirche wieder aufgebaut und zur Zeit läuft noch der Wiederherstellung des Neumarktes, der ja schon komplett verschwunden schien. Die Rekonstruktion bezieht sich auf die sogenannnten Leitbauten, nur vereinzelt fügt sich zeitgenössische Architektur dazu.

Bleibt noch der gläserne und dennoch Schrebergarten ähnlichen Informationspavillon der „Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V.“. Dort wird mit Modellen im Modellbahnstil, grellen Investorenrenderings und insgesamt überladener Ausstellungsgestaltung für den Wiederaufbau des Dresdener Neumarkts geworben. Am unscheinbarsten sind jedoch zwei DIN A4-Ausdrucke des gewonnen Wettbewerbs des Büros Cheret Bozic, Stuttgart, am Quartier VI. Hierzu gab es nach Wettbewerbsgewinn zahlreiche Proteste, Unterschriftensammlungen, sogar ein Bürgerbegehren gegen das Projekt. Das Gebäude von Cheret Bozic auf dem Grundstück des ehemaligen Gewandhauses wird nie gebaut werden. Zum Schluss bleibt dann nur noch der Blick in die Zukunft: was wird auf dem Neumarkt geschehen, wird er von der Bevölkerung angenommen werden, wie verändert sich die Gesellschaft und das politische System?